75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Delegationsreise nach Wolgograd, 1. bis 5. Februar 2018

 

Gemeinsam mit Heike Hänsel, Stefan Liebich und Zaklin Nastic habe ich an einer Delegationsreise der Fraktion DIE LINKE. Bundestag anlässlich des 75. Jahrestages der Schlacht von Stalingrad teilgenommen. Mir war die Teilnahme an der Delegation wichtig, weil ich finde, dass das Gedenken an die Opfer der Nazis in Deutschland und weltweit nicht von außenpolitischen Konjunkturen abhängig gemacht werden darf. Es ist beschämend, dass die Bundesregierung bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen nicht anwesend war. Mit fallen sofort die Bilder von den Gedenkveranstaltungen in Verdun oder in der Normandie ein, bei der die Bundesregierung prominent vertreten war. Überraschend ist das Fernbleiben der Bundesregierung allerdings nicht, denn in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage unserer Fraktion im Dezember vergangenen Jahres schrieb sie, dass sie zwar „grundsätzlich Kenntnis von Gedenkfeierlichkeiten in Wolgograd“ besitze, allerdings keine Teilnahme oder eigene Veranstaltungen plane. In der Sowjetunion sind 25 Millionen Menschen den deutschen Nazis zum Opfer gefallen.

Ich verurteile, dass die Bundesregierung diesen Opfern im Unterschied zu denen anderer europäischer Länder das Gedenken und die Anerkennung verweigert. Dies gilt noch mehr, seit eine rechtspopulistische Partei im Deutschen Bundestag wieder nationalistische, rassistische und revisionistische Parolen verbreitet. Auch um gegen diesen Geschichtsrevisionismus und die offizielle deutsche Geschichtsvergessenheit einen Kontrapunkt zu setzten, sind wir nach Wolgograd gereist.

Gemeinsam hat unsere Delegation die Gedenkstätte auf dem Mamai-Hügel besucht. Bei strahlend blauem Himmel und geschlossener Schneedecke lässt nicht nur die eisige Luft erschauern, sondern auch das Wissen, dass die Gedenkstätte auf dem Massengrab Zehntausender Toter errichtet ist. Von weitem sichtbar streckt die weibliche Kolossalstatue „Mutter Heimat ruft“ auf dem Berg ausschreitend ihr Schwert in die klare Luft, so als sammelte sie hinter sich ein Heer gegen die heranrückende Wehrmacht. Die Besucher des Mahnmals zu ihren Füßen wirken wie wuselnde Ameisen. Auf den Tag genau vor 75 Jahren endete die Schlacht von Stalingrad. Der Sieg der Roten Armee über die faschistische Wehrmacht und die mit ihr verbündeten Armeen aus Italien, Kroatien, Rumänien und Ungarn um das Zentrum der sowjetischen Schwerindustrie markieren den Wendepunkt des zweiten Weltkrieges und den Anfang vom Ende des Hitler-Faschismus. Alleine in dieser Schlacht, die mit dem Angriff der deutschen Einheiten auf Stalingrad am 7. August 1942 begann und mit der Aufgabe der letzten Wehrmachtsverbände am 3. März 1943 endete, starben 1,2 Million Staatsbürger der Sowjetunion, Militärs wie Zivilisten, sowie mehr als 800.000 deutsche Soldaten.

Die Gastfreundschaft der Wolgograder und ihres Bürgermeisters Andrej Kossolapows ist vor diesem Hintergrund keineswegs selbstverständlich. Als ich am Rande der Militärparade zwei Veteranen der Roten Armee begegne, die die Schlacht um Stalingrad überlebt habe, bewegt mich tief, welche Freundlichkeit, ja Herzlichkeit sie einem Enkel der Tätergeneration entgegen bringen. Wir sind ihnen dankbar, weil ihr Kampf und Sieg über die faschistische Wehrmacht den Untergang der Nazibarbarei eingeleitet hat. Ihnen und den vielen Toten sind wir verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die unaussprechlichen Verbrechen nicht verdrängt werden. Denn die einfühlende Erinnerung ist die einzige Garantie gegen eine Wiederholung der völligen Entmenschlichung.

An diesem geschichtsträchtigen Tage an diesem für das kollektive Gedächtnis so bedeutsamen Ort sein zu können, ist für mich Ehre und Verpflichtung zugleich. Dass sich jedoch nicht mehr Abgeordnete des Deutschen Bundestages und Vertreter der Bundesregierung zu diesem Anlass im heutigen Wolgograd eingefunden haben, um den Toten zu gedenken, beschämt mich.

Auf dem Friedhof für die gefallenen Soldaten der Roten Armee in Rossoschka lege ich im eisigen Wind zwei Nelken am Grab eines Soldaten nieder, der nur 20 Jahre alt geworden ist. Ihnen wurde genauso sinnlos das Leben genommen wie den Hunderttausenden Zivilisten, die bei dem einwöchigen Flächenbombardement der Wohnviertel von Stalingrad gestorben sind. Deshalb müssen wir dafür sorgten, dass es gegenüber der Intoleranz keine Toleranz gibt:

 

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

 

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