Kein Abschied! Für Harald Weinberg

Gesundheit ist für eine sozialistische Partei ein zentrales politisches Feld, weil hier die Auswirkungen des Gegensatzes von Kapital und Arbeit existentiell sind: Der reichste Teil der Bevölkerung lebt durchschnittlich zehn Jahre länger als der ärmste. Linke Gesundheitspolitik im umfassenden Sinn von health in all policies hat deshalb zum Ziel, die sozialen Unterschiede insbesondere bei den Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen zu beseitigen. Gleiche Gesundheitschancen für alle gibt es nämlich nur dann, wenn die Unterschiede bei den Einkommen und Lebensverhältnissen ausgeglichen werden, wenn der Zugang zu Bildung, guter Ernährung, sozialer Sicherung und Gesundheitsversorgung nicht länger vom Geldbeutel abhängt.


Mit diesem klassenbewußten Kompass und einem umfassenden Detailwissen über unser kompliziertes, von mächtigen Interessengruppen bestimmtes Gesundheitssystem hat Harald Weinberg die Gesundheitspolitik der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag geprägt. Mit Ruhe, Fachwissen, Fleiß und Überzeugungskraft hat Harald es vermocht, sich nicht in der ausufernden Selbstbeschäftigung des Parlamentarismus zu verlieren, sondern innerhalb und außerhalb des Parlaments immer die Veränderung der Gesellschaft im Blick zu behalten. Für Harald ist (Gewerkschafts-)Bewegung kein Fetisch, wie ihn allzu viele mit viel Aufhebens und Selbstbeweihräucherung vor sich hertragen, sondern der Motor gesellschaftlicher Veränderung, ohne den auch parlamentarisch nichts zu reißen ist. Und so ist es kein Zufall, dass Harald einen großen Teil seiner Arbeitskraft der Unterstützung und Stärkung außerparlamentarischer Aktionen und Initiativen, besonders im Bereich der Krankenhaus- und Pflegepolitik gewidmet hat.


Ich habe oft darüber nachgedacht, woran es lag, dass die Zusammenarbeit zwischen Harald und mir von Anfang an reibungslos und meistens sogar ohne viele Worte funktioniert hat. Ich glaube es liegt daran, dass wir beide es gewöhnt sind, auch bei schwierigen politischen Fragen immer zuerst die ökonomischen Hintergründe und die gegensätzlichen Interessen zu analysieren. Und sicher hat das etwas damit zu tun, dass wir beide, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten, unsere politische Prägung in Marburg erfahren haben: Harald im Sozialistischen Studierendenverband SHB und ich im Marxistischen Studierendenverband MSB Spartakus.


Für die vier Jahre, während derer ich gemeinsam mit Harald linke Gesundheitspolitik im Bundestag gemacht und dabei unendlich viel gelernt habe, bin sich sehr dankbar. Ich kenne nicht viele Politikerinnen und Politiker, die ihr Wissen, ihre Kontakte so bereitwillig mit anderen teilen, wie es Harald getan hat, weil es ihm um die Sache geht und nicht um die Darstellung der eigenen Person. Dass ich dieses Wissen nun nicht mehr anwenden und dann meinerseits im Bundestag anderen weitergeben kann, weil DIE LINKE in Hessen mich nicht mehr für die Bundestagswahl aufgestellt hat, bedauere ich sehr. Die Lücke die Harald Weinberg hinterlässt, wird auch mit großer Anstrengung nur sehr schwer zu schließen sein. Um so wichtiger: Es ist kein Abschied, wenn Harald jetzt in den Ruhestand geht, sondern erfolgreiche sozialistische Politik braucht Vernetzung, braucht die Weitergabe von Wissen und Erfahrung, braucht den Austausch zwischen Aktiven und Ruheständlern, braucht die Zusammenarbeit aller Generationen. Ich bin mir sicher, dass Harald dazu bereit ist!