Minister Spahn im Digitalisierungs-Wahn

Warum Digitalisierung die Probleme des Gesundheitssystems nicht lösen kann

‚Digitalisierung‘ lautet das Zauberwort zur Lösung aller Probleme der Gesundheitsversorgung, glaubt man Gesundheitsminister Spahn. Glaubt man ihm nicht, muss man sich den realen Problemen von Menschen im Schwarzwald, in der Prignitz oder der Eifel stellen, die nicht wissen, was sie tun sollen, wenn im nächsten Jahr ihre Hausarztpraxis oder Landapotheke schließt. Ihre Probleme bleiben ungelöst, weil der Minister lieber davon träumt, Digitalisierungsweltmeister – und Kanzler – zu werden. Der Digitalisierungswahn des Ministers wird so zunehmend zum Gesundheitsrisiko für die Menschen in Deutschland – ja sogar in Europa. Denn das Gesundheitsministerium hat nun ‚Digitalisierung‘ auch als gesundheitspolitisches Ziel der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr benannt. Nun ist Digitalisierung aber kein gesundheitspolitisches Ziel, sondern nur ein technisches Mittel zum Zweck. Kein Mensch würde beispielsweise auf die Idee kommen, ‚Elektrifizierung‘ als gesundheitspolitisches Ziel zu benennen.

Die Förderung der deutschen und internationalen IT-Wirtschaft ist für Jens Spahn offenbar alles, die realen europaweiten Probleme nichts: Lieferengpässe bei lebenswichtigen Medikamenten, die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels, die niedrigere Lebenserwartung von Menschen mit geringen Einkommen, das alles scheint für Minister Spahn in seinem Digitalisierungswahn kein Thema zu sein.

Dabei sind diese Probleme für die Menschen existenziell: Zum Beispiel sterben in Deutschland Arme im Durchschnitt zehn Jahre früher als Reiche. Dem ist mit ‚Digitalisierung‘ nicht beizukommen. Sondern die Steigerung von Gesundheit und Lebenserwartung der Menschen in Deutschland und Europa muss zum Ziel in allem Politikbereichen gemacht werden. Denn nur durch die Verbesserung der Lebens- und Arbeits- und Umweltbedingungen der Menschen kann die Ungleichheit der Lebenschancen überwunden werden. Das wäre eine lohnende Herausforderung für einen Kanzler im Wartestand. Doch sie ist, wie gesagt, mit Wirtschaftsförderung für die IT-Industrie nicht zu lösen.


Ohne Zweifel, Digitalisierung hat im Gesundheitssystem eine große Bedeutung bei der Vermeidung von Fehlmedikationen, bei der Diagnose seltener Krankheiten oder der Unterstützung von Therapien. Das hat allerdings zwei Voraussetzungen. Einerseits, dass unsere hochsensiblen Gesundheitsdaten zuverlässig geschützt sind. Und andererseits setzt Digitalisierung ein funktionierendes Gesundheitssystem voraus. Denn sich kann nur technisch unterstützen, aber nicht die menschliche Diagnose, Behandlung und Zuwendung ersetzen. Trotz aller Beteuerungen des Gesundheitsministers: Die Telemedizin wird keinen Beitrag zur Lösung des Ärztemangels auf dem Land leisten. Sie kann in vorhandenen Strukturen die Arbeit erleichtern, aber sie kann die Landarztpraxis nicht ersetzen. Oder wenn, dann nur in Form einer Billigmedizin für wirtschaftsschwache Regionen.