Reicher Mann und armer Mann

Achim Kessler und junge Geflüchtete

Treffen mit jungen Geflüchteten am 6. Dezember 2017

Am 6. Dezember habe ich mich mit jungen Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan in Frankfurt am Main getroffen. Sie haben von ihren Lebensumständen, ihrer Wohn- und Schulsituation und ihren Sorgen berichtet: In einem Raum mit acht anderen zu schlafen, die schnarchen oder Musik hören, und morgens unausgeschlafen zur Schule zu gehen, um Deutsch zu lernen. Die Angst um die Familie, die wegen der grundgesetzwidrigen Aussetzung des Familiennachzugs weiter in Lebensgefahr ist. Ein unsicherer Aufenthaltsstatus oder gar die Ablehnung des Asylantrags und die quälende Ungewissheit, ob und wie lange sie bleiben können. Am gleichen Abend startete vom Frankfurter Flughafen wieder ein Abschiebeflug nach Kabul.

Unter diesen belastenden Umständen sollen die Jugendlichen innerhalb von zwei Jahren Deutsch lernen und ihren Hauptschulabschluss machen! Ausreichende Sprachkenntnisse sind die Voraussatzung für den Hauptschulabschluss. Und der ist wiederum die Bedingung für eine Ausbildung. Die Jugendlichen brennen darauf, eine Ausbildung zu machen, berichten mit strahlenden Augen vom Praktikum in der Altenpflege oder in der Autowerkstatt. Niemand, der diese Jugendlichen kennengelernt hat, kann verstehen, warum es ihnen so schwer gemacht wird, für immer hier zu bleiben.

Nikolaustag 2017 in Frankfurt

Dass mit den Mitgliedern des parteinahen Jugendverbandes „Solid“ Gleichaltrige mit deutschem Pass an dem Treffen teilgenommen haben, hat den jungen Geflüchteten sichtlich gut getan. Schnell war eine WhatsApp-Gruppe für weitere Treffen eingerichtet! Bei Gebäck und Getränken haben wir aus unseren Reihen einen Nikolaus bestimmt, der sanfte Streiche mit der Rute und kleine Geschenke verteilte. Der christliche Heilige ist fester Bestandteil sogenannter christlich-abendländischer Kultur, stammt aber tatsächlich aus Kleinasien und war für mich Anlass, über den Ursprung von Armut und Reichtum nachzudenken:

„Heute ist Nikolaustag. Er wird von Christinnen und Christen gefeiert, weil es der Todestag eines sehr beliebten Heiligen ist. Der heilige Nikolaus wurde vor 1.600 Jahren in der Nähe von Antalya in der heutigen Türkei geboren. Er unterstützte immer die Armen und spendete sein gesamtes Vermögen an die Armen. Es gibt viele Erzählungen, die sich mit den guten Taten dieses Mannes beschäftigen und es haben sich unterschiedliche Bräuche entwickelt, die an Nikolaus erinnern sollen. In Deutschland stellen die Kinder am Nikolausabend, das ist der Abend vor dem Nikolaustag am 6. Dezember, ihre Stiefel vor die Türe. In der Nacht werden sie vom Nikolaus mit Schokolade, Nüssen, Mandarinen oder anderen kleinen Geschenken gefüllt.

Ich finde, dass es richtig ist, wenn die Reichen mit den Armen teilen, aber das darf nicht vom guten Willen der Reichen abhängen. Die Armen sollen nicht von Almosen abhängig sein, sondern jeder Mensch hat ein Recht auf Essen, Trinken, Wohnung, medizinische Versorgung und Teilhabe am sozialen Leben. Und wir müssen uns immer fragen: Warum sind die Armen arm und die Reichen reich.“

Bertolt Brecht, ein sehr bekannter deutscher Schriftsteller, schrieb dazu in dem Kindergedicht „Alfabet“:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
„Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

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