„Übertriebener Gerechtigkeitssinn“

Achim Kessler im Kindergarten„Achims Betragensnote hat unter seinem übertriebenen Gerechtigkeitssinn gelitten“, sagte einmal eine Grundschullehrerin zu meiner Mutter. Das geht mir noch heute manchmal durch den Kopf. Gibt es das, einen übertriebenen Gerechtigkeitssinn? Zu viel Sinn für Gerechtigkeit? Das Gefühl, dass diese ungerechte Welt besser, gerechter werden muss, hat mich immer begleitet. Gerechtigkeit ist noch immer eine Frage des Geldbeutels. Des Geschlechts. Des Passes. Der sexuellen Orientierung. Aber vor allem der sozialen Klasse. Das war natürlich auch in den 1970er und frühen 80er Jahren schon so, während meiner Kindheit und Jugend in St. Georgen im Schwarzwald.

Industriestadt im Wald

Meine Eltern waren beide mit ihrer Arbeit zufrieden. Meine Mutter hatte ein kleines Handarbeitsgeschäft. Mein Vater war als Monteur einer Werkzeugmaschinenfabrik viel auf Reisen, auch in fernen Ländern. In Brasilien, Jugoslawien, Italien, der Sowjetunion. Das machte mich sehr neugierig auf das, was es jenseits des Lebens in der Kleinstadt noch gab. Obwohl St. Georgen – die kleine Industriestadt mitten im idyllischen Schwarzwald – nicht gerade ein Schmelztiegel emanzipatorischer Bewegungen war, entwickelte sie doch so etwas wie eine zaghafte Weltoffenheit. Die boomende feinmechanische Industrie zog „fremde“ Arbeitskräfte mit und ohne deutschen Pass an. Spätausläufer der Revolte von 1968 erreichten die Kleinstadt in der Gestalt von Hippies, im Volksmund „Langhaarige“ genannt.

Vom “roten Bildungshügel“ in die Realität

Achim Kessler auf dem SchulwegDas Gymnasium, das ich besuchte, wurde von gewissen Kreisen als „roter Bildungshügel“ bezeichnet. Ich profitierte davon, dass für die meisten jüngeren Lehrerinnen und Lehrer kritisches Denken Teil von Bildung war. Und so fällt in diese Zeit auch mein erstes politisches Engagement als Schulsprecher, bei der Schülerzeitung und in kleinen Initiativen: gegen Atomkraft, gegen Aufrüstung, gegen die erste Volkszählung, gegen das Waldsterben.

Die Realität vieler Menschen, die ich während meines Zivildienstes kennenlernte, war für mich ein Schock. Da war zum Beispiel eine ältere Dame, für die ich Woche um Woche dasselbe abgepackte Brot und denselben abgepackten Käse einkaufte. Sie sparte, um von der Sozialhilfe ein Geschenk für ihren Enkel zu kaufen. Das Amt nahm ihr das Ersparte schließlich weg – sie hatte es auf dem Konto statt in der Schublade.

Schwuler Kommunist oder kommunistischer Schwuler?

Diese Erfahrungen nahm ich mit nach Marburg, wo ich Neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaften, Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu studieren begann. Aber mehr Zeit als in Vorlesungen verbrachte ich zunächst mit der Politik, vor allem im „Marxistischen Studentinnen- und Studentenbund Spartakus“ (MSB), in dessen Bundesvorstand ich schließlich gewählt wurde. Es war die bleierne Zeit unter Helmut Kohl, die Zeit nach dem NATO-Doppelbeschluss und der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Die Zeit, in der die Angst vor Aids von Reaktionären wie Peter Gauweiler genutzt wurde, um Konzentrationslager für HIV-Positive zu propagieren. Es war die Zeit vor dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der Sowjetunion.

In Marburg traf ich endlich auch auf andere Schwule. Ich lernte so schwules Leben, aber auch in einer neuen Dimension Vorurteile und Diskriminierung kennen. Und so wurde ich nach der Auflösung des MSB für die „Rosa Liste“ Vorsitzender des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses und später in der AIDS-Hilfe aktiv. Mir persönlich ist der Kampf um Gleichstellung zu wenig – es geht mir um Emanzipation, die viel mehr ist. Sie kann ohne soziale Sicherheit nicht erreicht werden und setzt Respekt vor unterschiedlichen Lebensweisen und -haltungen voraus.

Kinder, Kunst und die Gründung der LINKEN in Hessen

Dann änderte sich mein Leben ein weiteres Mal, als ich meinen heutigen Mann und mit ihm unsere beiden Söhne kennenlernte. Fortan sah ich die Welt auch aus den Augen eines Vaters und staunte nicht schlecht, welche Hürden Menschen mit Kindern in den Weg geschoben werden. In dieser Zeit schrieb ich an meiner Magisterarbeit über den meiner Meinung nach größten deutschen Roman des 20. Jahrhunderts: „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss.

Nach unserem Umzug nach Frankfurt schrieb ich meine Doktorarbeit über den marxistischen Philosophen Ernst Bloch. Seine Philosophie, in der Politik, Wissenschaft und Kunst Werkzeuge zur Verbesserung der unvollendeten Welt sind, ist für mich nach wie vor wichtig.

Politik als Beruf

Achim Kessler auf einer Demo 2012Noch bevor die Doktorarbeit 2004 fertig war, wurde ich in der PDS aktiv und arbeitete für deren Fraktion im Frankfurter Römer. Von Anfang an war ich Mitglied des hessischen Landesvorstandes der Partei DIE LINKE und deren Pressesprecher. Als Wahlkampfleiter organisierte ich den Wahlkampf, der DIE LINKE schließlich 2008 erstmals in den Hessischen Landtag brachte.

2005 wurde ich Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten und Außenpolitikers Wolfgang Gehrcke, und im Jahr darauf wurde ich für fünf Jahre ehrenamtliches Mitglied des Magistrats der Stadt Frankfurt am Main. Während mich die Tätigkeit für Wolfgang Gehrcke auch in die Welt – beispielsweise nach Russland – führte, erlebte ich in Frankfurt soziale Ungleichheit im täglichen Leben: Wie nah liegen hier obszöner Reichtum und bittere Armut beieinander! Die einen feiern Champagner-Orgien, während die anderen in Mülleimern nach Flaschen suchen.

Um es noch schlimmer zu machen, werden die Armen verhöhnt als unfähig, faul, desinteressiert und zunehmend auch als genetisch minderwertig. Und das nicht nur von jenen, deren wachsender Reichtum Ursache der Armut ist, sondern auch von jenen, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben.

Meine Utopie: eine Gesellschaft, in der die Starken den Schwachen unter die Arme greifen

Achim Kessler auf einer Konferenz in Kaliningrad 2015Das Arbeiten und Leben in Frankfurt prägt mich auf eine besondere Weise – es gibt mir politische Bodenhaftung und führt mir jeden Tag vor Augen, was linke Politik aufgreifen und angreifen muss. Mit der Frage danach, was Gerechtigkeit ist und ob es ein „zu viel“ davon geben kann, beschäftige ich mich heute noch. Deshalb ist mein politischer Maßstab immer die soziale Frage. Denn soziale Gerechtigkeit ist keine Worthülse. Mehr soziale Gerechtigkeit heißt höhere Löhne und Renten, dieselbe hochwertige medizinische Versorgung und Bildung für alle, die Ersetzung von Hartz IV durch eine solidarische Grundsicherung. Mindestens. Das sind konkrete Schritte auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr durch andere Menschen ausgebeutet werden.